Festvortrag anläßlich der 25. Wiederkehr der Charter des LC Wilhelmshaven am 2. November 1980.

 

Ethische Forderungen im Wandel der Zeit.

von
L Dr. Berthold Borschel († 1993)

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Lionsfreunde!

Das Thema "Ethische Forderungen im Wandel der Zeit" habe ich mir gestellt, weil wir Lions eine Vereinigung sind, die ihr Denken und Tun auf ethische Forderungen und Ziele festgelegt hat, und weil ein Jubiläum wie die 25. Wiederkehr der Charter zur Besinnung, zu Rechenschaft und Ausblick auffordert.

Von den drei Grundfragen philosophierenden Denkens: Was können wir wissen?, was sollen wir tun?, was dürfen wir hoffen?, ist die Frage nach dem, was wir tun sollen, die eigentliche Frage der Ethik. - Sie hat im Laufe der letzten Jahrzehnte besondere Aktualität erlangt. Kennzeichnet noch Nicolai Hartmann in sei­ner 1925 erschienenen "Ethik" den modernen Menschen als blasiert und abgestumpft, den nichts mehr erhebe,und der für alles nur noch ein ironisches und müdes Lächeln habe, so ist hierin spätestens seit der Mitte dieses Jahrhunderts, d.h. nach den Zusammenbrüchen tradierter Werte auf fast allen Gebieten und dem gleichzeitigen raketenhaften Aufstieg naturwissenschaft­licher Erkenntnisse und technischer Möglichkeiten mit keines­wegs folgenlos gebliebenen Taten und Untaten doch ein Wandel eingetreten. Man denkt wieder nach über sittliche Forderungen, über Gebote und Verbote, man diskutiert über Werte und Normen, und man entdeckt sogar die lange Zeit als allzu naiv belächel­ten Tugenden neu.

Dieser Wandel im Denken gründet sich in der rasch Allgemein­gut gewordenen Erkenntnis, daß wir mit unserem Wissen, Wissen­können und Wissenwollen an Grenzen gestoßen sind, deren Über­schreitung uns und unserer Umwelt tödlichen Schaden zufügen könnte. Die beim Durchbrechen dieser Grenze bisher ungeahnt sich eröffnenden Räume erfüllen uns mit apokalyptischem Schau­der und fügen zu der Frage:"Was sollen wir tun?" die neue Frage hinzu: " Was darf der Mensch?".

Wie sehr der forschende Mensch auch in seiner leiblich-geisti­gen Existenz an Grenzen gestoßen ist, erfahren wir aus der Phy­sik. Die von Werner Heisenberg entdeckte "Unschärferelation" bedeutet, daß bei der Beobachtung kleinster Molekularvorgänge der Mensch als mitbestimmender Faktor ins Spiel kommt. Der Be­obachter ist von der Beobachtung nicht zu lösen. Er muß sich selbst seine Grenze setzen. So ist auch in die exakte Forschung das subjektive Moment der Wahl und Entscheidung gekommen, die nur unter dem Aspekt der Ethik als falsch oder richtig, gut oder böse getroffen werden können. Eine verkehrte Entscheidung könnte uns leicht einen zweiten Sündenfall bescheren.

"Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist", sprach damals die Schlange, was nach der Interpretation eines prominenten Alttestamentlers eigentlich bedeutet: Ihr werdet alles wissen und können. Mit Schmerzen, Mühsal, Krankheit und Tod wurde nach diesem tiefsinnigen Mythos der Mensch für seinen Frevel geschlagen. Heute scheint es, als habe er bald die Mittel, sich von diesem Fluche zu befreien; aber er hat auch die Werk­zeuge, die ihm nach dem gleichen Schöpfungsmythos zur Bewahrung, Bebauung und Pflege anvertraute Erde gänzlich zu vernichten. Und dies wäre dann wohl die andere Folge.

Das Überdenken ethischer Forderungen in einer gewandelten Welt spiegelt sich auch in unseren codifizierten Lionszielen wieder. Lions International hatte sich vor über 60 Jahren ethische Zie­le gesetzt aus der Erkenntnis, daß in unserer Welt des Schaffens und Machens, des Geschäfts und Profits, des Haschens nach ober­flächlichen und flüchtigen Glücksgütern unser privates wie unser öffentliches Leben Schaden nimmt und wesentliche Werte verloren gehen. Wir finden diese Ziele auf der ersten Seite unseres Lionsverzeichnisses in altertümlichen Lettern in englischer Sprache voller Würde und Pathos. Zwei Seiten weiter lesen wir die ethischen Ziele nicht. nur sprachlich modernisiert, sondern auch im Inhalt dem Geiste unserer Epoche anqepaßt. Es ist die Erkenntnis, daß es im gegenwärtiqen 'Zeitalter großer und gemeinsamer Anstrengungen bedürfe, um die der Menschheit anvertraute Welt menschenwürdig und lebenswert zu gestalten, und daß dies in der Strenge sittlicher Lebensführung und im Geiste der Freundschaft und Kameradschaft zu vollziehen sei.

Meine Damen und Herren! Ein Festvortrag kann keine Vorlesung über ein Kapitel aus der Philosophiegeschichte sein, wie man dem Thema entnehmen könnte. Auch wäre ich als Mediziner damit hoffnungslos überfordert. Aber als 25jähriger Lion möchte ich einiges von dem sagen, was mir am Herzen liegt, so weit die Zeit und der Stil einer Rede das erlauben.

Man hat unseren Buchstaben LIONS die Worte liberty, intelligence, our nations safety unterlegt. Dies ist in unseren Feierstunden oft Anlaß, über die "Freiheit" und andere damit zusammenhängende hehre und hohe Werte zu sprechen; "our nations safety" wird meist vernachlässigt und mit "intelligence" weiß man nichts anzufangen. - Ich möchte es nun wagen, den Begriff "intelligence" als Nebenthema herauszugreifen, und von ihm aus ethische Forderungen im Wandel der Zeit zu interpretieren.

Das Wort "intelligence" ist vieldeutig. Da es hier im Zusammenhang mit sittlichen Werten steht, möchte ich es mit "Klugheit" übersetzen. - Wir modernen, weltläufigen und cleveren Menschen haben das Wissen verloren, daß wirkliche Klugheit in der Substanz etwas anderes ist, als Gescheitheit, Verständigkeit, Schlauheit, Verschlagenheit, Berechnung, meßbare Intelligenz, Scharfsinn oder Tiefsinn. Sie ist eine Tugend und unter den vier platonischen Tugenden - die anderen sind Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß - nimmt die Klugheit die oberste Stelle ein.

Belächeln Sie, meine Damen und Herren, das Wort "Tugend" nicht. Ich weiß, es klingt nach Klassenprimus, Einfaltspinsel und Unschuld vom Lande. Und wenn wir auf unserem Steglitzer Gymnasium in der Oberstufe - es sind jetzt etwa 45 Jahre her - das lateinische "virtus" mit "Tugend" übersetzten, wie wir es in der Unterstufe beim vokabelpauken gelernt hatten, dann gähnte unser Lateinlehrer demonstrativ und sagte: "Immer schön brav.- Milch trinken, keine Zigaretten rauchen und um acht Uhr schlafen gehen".
Der Tugendbegriff erlebt aber heute eine Renaissance. Tugend heißt Tüchtigkeit, Tauglichkeit, Trefflichkeit, Vorzüglichkeit. Im Kanon der Tugenden nimmt nun die Klugheit den obersten Platz ein, weil alle anderen Tugenden erst durch die Anwendung der Klugheit zu solchen werden. Nicht nur Tapferkeit, Gerechtigkeit und Maß, sondern auch Ordnung, Fleiß, Gelassenheit, Bescheidenheit, Wahrhaftigkeit, Treue und Vertrauen, um nur einige herauszugreifen. Ohne kluge Anwendung können diese alle sich zu Torheiten, Untugenden und Lastern verkehren.

Klugheit ist als "intelligentia" die Einsicht in die Wirklichkeit der Dinge. Der Kluge sieht unverstellt die Realitäten und findet sich dadurch im Leben zurecht. Er sieht auch hinter das Vordergründige, er kann "intellegere", zwischen den Zeilen lesen, er hat Durchguck. Klugheit hat also einen sehr lebenspraktischen Zug; sie wird oft erst durch schmerzliche Erfahrungen erworben. "Durch Schaden wird man klug". Sodann ist Klugheit als "prudentia" die Voraussicht. Klug ist, wer an die Zukunft denkt und die Konsequenzen seines Handelns übersieht. "Der kluge Mann baut vor". Ein tieferer Sinn der voraussehenden Klugheit wird im 90. Psalm ausgesprochen, wo es heißt: "Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden".

Drei Voraussetzungen fordert die Klugheit: Memoria, docilitas und solertia. Memoria im Sinne des unverfälschten und nichts verfälschenden Gedächtnisses; also kein nachträgliches Zurechtrücken, Entschuldigen oder Verdrängen, falsches Akzentuieren oder verbales Verschleiern der schmerzlichen und oft blamablen Lebenserfahrungen; docilitas im Sinne von Belehrbarkeit und Verzicht auf engstirniges Festhalten an vorgefaßten Meinungen; sie ist besonders die Fähigkeit, sich etwas sagen lassen zu können aus dem Willen zur wirklichen Erkenntnis; und schließlich solertia als vollendetes Können, d.h. kraft einer vitalen Wachheit und Gesundheit, seelisch und körperlich geübt, sich offenen Blicks für das Gute und Richtige entscheiden und es dann auch ausführen zu können.

Von dieser Deutung des Wortes "intelligence" ausgehend, will ich das Hauptthema wieder aufnehmen.

Der moderne Mensch, so sagte ich, hat. aufgerüttelt durch die Kriege in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts und durch die Ergebnisse und Folgen der Naturwissenschaft und Technik in der zweiten Hälfte wieder ein Gespür für sein Sollen und Dürfen bekommen. Aber verhält er sich auch ethisch, kann er das überhaupt in jedem Betracht und  genügen die tradierten ethischen Normen den Aufgaben unserer Zeit?

Wenn wir uns in unserer Welt umschauen, und das wollen wir ja nun mit klugem und unverstelltem Blick, sehen wir eher das Gegenteil. In unserer vom Massendasein geprägten Zeit gilt kaum noch das sich frei entscheiden könnende Individuum; wir sind eingebettet in ein vielfältiges Beziehungsgefüge, die "Gesellschaft" genannt, in dem der einzelne, weitgehend fremdbestimmt, wie in einem Netze zappelt. Diese Gesellschaft wird unter den verschiedensten Aspekten als gestört erkannt; mit Akribie sucht man ihre pathologischen Erscheinungen zu beschreiben, die Ursachen zu ergründen und therapeutische Rezepte anzubieten.

So sprechen wir von der Leistungsgesellschaft oder Leistungsverweigerungsgesellschaft, der Anspruchs- Überfluß- und Überdrußgesellschaft, der Konsumgesellschaft; wir sehen mit Bangen den Weg in die kinderlose Gesellschaft, und mit noch größerem Bangen erkennen wir die Wirkung der Bevölkerungsexplosion auf die zukünftige Gesellschaft, wir empören uns über die Maßlosigkeit der Playboy- und Wegwerfgesellschaft. Durch diese pathologischen Gesellschaftsformen befürchten und sehen wir die Neurotisierung des Einzelnen und der Allgemeinheit. Wir Psychiater sprechen von "Sozioneurosen" und fragen uns, ob es nicht vielleicht primär paranoische Fanatiker mit ihren ideologischen und sektiererischen Verzückungen seien, die weite Teile unserer Gesellschaft erst krank machen. - Die Publikationsflut und die Massenmedien machen uns schließlich zur maßlos informierten Gesellschaft, die dann aber - vielleicht gar durch beabsichtgte Informationslücken - zu einer desinformierten Gesellschaft manipuliert werde.

Nun sind wir Menschen weder genetisch noch durch Tradition für die Existenz in der Masse und schon gar nicht für das mühelose Wohlleben, das uns die industrialisierte Zivilisation bescherte, programmiert, sondern seit Millionen Jahren auf Not und auf ein Zusammenleben in kleinen, aufeinander angewiesenen Gemeinschaften, deren Glieder sich mit vereinten Kräften in einer meist feindlichen Umwelt beim Kampf ums Dasein mit einer gegliederten Rollenverteilung behaupten mußten. Losgelöst von soIchen Gemeinschaften war das Individuum nicht lebensfähig. In dieser Art Gemeinschaft haben die alten Gebote, auch der Dekalog, ihre biologische und kulturelle Fundierung. Sie sind daher keine Vorurteile, deren man sich entledigen könnte, um eine repressionsfreie Gesellschaft herbeizuführen, sondern biologisch verankerte Erfahrungsurteile. Heute verfällt der Mensch in der Einsamkeit der Masse, da er keine notwendende Aufgabe mehr hat, der neurotischen Angst und anderen Symptomen des Sinnverlustes seines Lebens. - wir leben aber auch nicht mehr in der Welt unserer unmittelbaren Vorfahren, die trotz einbrechender Vermassung und arbeitsentlastender Industrialisierung doch eine in sich geschlossene blühende Kultur mit allgemeinverbindlichen Werten und Zielen hatte, die für die Führungsschichten genauso selbstverständlich waren, wie für die Menge der einfachen Bürger. Wir wissen noch aus der Literatur der Aufklärung und des nachfolgenden bürgerlichen Zeitalters, wie gerade damals die Tugendlehren blühten. So seien hier nur die Tugenden der "Zauberflöte" Standhaftigkeit, Duldsamkeit, Verschwiegenheit als Formen strenger Selbstdisziplinierung genannt.

Es fehlen dem Menschen unserer Epoche die Lebensvoraussetzungen, auf die er genetisch und durch lange Tradition eingestimmt ist. Massendasein und Industrialisierung haben Instinktunsicherheit und den Verlust des moralischen Kompasses, d.h. der Richtkraft des Sollens und Dürfens nach sich gezogen.

Hier liegen aus anthropologischer Sicht die Ursachen zu den Negativbildern unserer Gesellschaft. Sollen daraus Positivbilder werden, so hätten die Korrekturen im biologischen und kulturellen Bereich einzusetzen; aber auch so selbstverständlich im ethischen?

Gegen die Ethik gibt es drei moderne grundsätzliche Einwände; sie kommen aus der Psychoanalyse, dem Marxismus und dem Darwinismus .
Als wissenschaftliche Methode ist die. Psychoanalyse wertfrei;  sie hält aber auch in therapeutischen Praxis moralische Beurteilungen für problematisch, weil diese  den Menschen zu einem Skrupulantentum erzögen, dessen  Kennzeichen Selbstquälerei ist und zur Neurose führt. Es sei daher verfehlt, dem Menschen ein Schuldbewußtsein anzuerziehen.
 - Für Marx ist nur die Dialektik der Produktionskräfte und Produktionsverhältnisse maßgebend. Der Geist vermag nichts, die menschliche Geschichte wird nicht von den Ideen der Vernunft bestimmt. Wegen der Klassenstruktur der Gesellschaft konnte der Mensch seine Menschlichkeit nicht entfalten. Die dadurch hervorgerufene totale Entfremdung des Menschen kann nicht durch moralische Appelle aufgehoben werden, sondern nur durch das politisch‑gesellschaftlische Handeln des Proletariats.
‑ Bei Darwin ist der Motor aller Lebewesen die Selbsterhaltung, bei dem die Schwachen auf der Strecke bleiben. Die natürliche Zuchtwahl sortiert das Schlechtere aus, das Bessere hat die größeren Chancen. Der Stärkere setzt sich durch, er hat sich in günstigerer Form den Lebensbedingungen angepaßt. So ist auch der Mensch entstanden, und er bleibt grundsätzlich diesen Gesetzen der Natur unterworfen.

Es ist nun zu fragen, ob ethische Forderungen, derer wir doch heute wieder zu bedürfen meinen, diesen Einwänden standhalten. Zunächst einmal meine ich, daß von der grundsätzlichen Amoralität des hier flüchtig skizzierten Gedankengutes bereits vieles in der heutigen Gesellschaft wirksam geworden ist und zu ihren pathologischen Erscheinungsformen beigetragen hat.

Sodann wissen wir aus der modernen Anthropologie und aus der Verhaltensforschung, daß der Mensch durchaus eine Sonderstellung in der Natur einnimmt und sich mit Hilfe der Wissenschaft und Technik eine vernünftige Welt aufgebaut und institutionalisierte Moralen geschaffen hat, mit denen er das menschliche Zusammenleben regelt. Vernunft und Moral sind wesentliche Konstituenten des Menschseins überhaupt.

Wenn sich nun heute vielfach ein biologischer Untergangspessi­mismus zeigt, weil der Mensch die Natur unklug ausgenutzt und die Mittel zur Vernichtung allen Lebens in der Hand hat, so darf das nicht mit Marx und Freud heißen, seine Ethik sei wirkungslos oder in der Konsequenz darwinistischen Denkens sie sei abwegig, weil der Mensch durch seine Vernunft eine Fehlkonstruktion der Natur sei, sondern dieser ökologisch durchaus begründete Pessimismus muß eine Aufforderung sein, von der biologisch  vorgeformten und kulturell tradierten Moral der neuen Situation angepaßt in kluger Weise wieder Gebrauch zu machen.

Wir werden die Probleme unserer Epoche nur lösen, wenn wir unversehrtes menschliches Leben in Freiheit und in urzerstörter oder wenigstens doch bewahrter und gepflegter Natur als höchstes Gut zum Richtstab unseres sittlichen Handelns machen.

Dies sei an einigen Beispielen gezeigt. Eine unserer vornehmsten sittlichen Pflichten ist der Dienst tätiger Nächstenliebe. Als Service - Club stehen wir hier in einer großen europäisch - christlichen Tradition, die im frühen Mönchstum am Ende der Antike und im Rittertum des Mittelalters ihren Ausgang nahm und unser Abendland entscheidend prägte.

In der schon im Alten Testament gebotenen Nächstenliebe, die die sieben auf den Menschen bezogenen Gebote zusammenfaßt, wir würden heute sagen, die sein soziales Verhalten regeln, wird die dem Menschen eigentümliche Fähigkeit angesprochen, sich so in einen anderen hineinzuversetzen, als wäre er dieser selbst. Durch diese "Empathie" sind die Formen, Nächstenliebe auszuüben, unerschöpflich: Angefangen von dem freundlichen, tröstenden oder helfenden Wort, das ich an einen unter Lieblosigkeit leidenden Menschen richte, oder dem an einem Hilflosen in der Stille verrichteten Dienst, über private, kirchliche oder staatliche Organisationen, bis hin zu den gesetzlichen Einrichtungen der Wohlfahrt, die, wenn sie auch von ihrem geistesgeschichtlichen Ursprung nichts mehr wissen, noch immer eine Befolgung dieses Gebotes der Nächstenliebe sind. Die Barmherzigkeit, die in der Gestalt des Samariters diesen Liebesdienst auch am ideologischen Gegner zeigt, war der vorchristlichen Antike unbekannt. So wurde der Samariter in unserem Kulturkreis zu einer der schönsten Symbolfiguren für diese höchste Form der Nächstenliebe; und es wäre in unserer freien Welt, die ihren christlichen Ursprung nicht leugnet, schlecht vorstellbar, wenn etwa Sozialämter oder Service - Clubs ihre Wohltätigkeit nicht unparteiisch und frei von ideologischer Beschränktheit ausübten. Dieser Samariter steht auch beispielhaft für unser Handeln an Ausländern, Flüchtlingen und politisch Verfolgten.

Mit Klugheit ausgeübte Nächstenliebe fordert uns auf, die jeweiligen Situationen zu erkennen und auch die Möglichkeiten der modernen technischen Welt in ihren Dienst zu stellen. Genannt seien Einrichtungen wie "Essen auf Rädern", Telefonseelsorge; das Tätigwerden in Organisationen, die sich dem Rauschgiftproblem widmen. Das Hunger- und Flüchtlingselend unserer Tage stellt die gesamte gesittete Menschheit vor organisatorische und finanzielle Probleme, die kein Einzelner, auch nicht Vereinigungen wie Service - Clubs, Rotes Kreuz oder einzelne Staaten aus eigener Kraft lösen könnten. Dennoch dürfen wir nicht resignieren; wir müssen nach Vermögen unsere geistigen und materiellen Mittel mit Klugheit einsetzen, wobei derjenige klug handelt - und auch das ist eine gültige Definition der Klugheit - der zur richtigen Zeit das Richtige tut. Auch angesichts der überwältigenden Not auf dieser Erde, der wir so ohnmächtig gegenüberstehen, behält das Wort seine Geltung: Ein Tropfen Mitarbeit ist mehr wert als ein Ozean voll Sympathie.

Auch die "Ehrfurcht vor dem Leben" stellt sich uns heute als neu zu bedenkende und unsere Klugheit herausfordernde sittliche Forderung. "Du sollst nicht töten", lautet das fünfte Gebot. An dem Grundsätzlichen dieses Gebotes bestehen keine Zweifel, aber an den Ausnahmen entzündet sich die Diskussion: Es sind dies das Töten im Kriege und in der Notwehr, die Todesstrafe, der Selbstmord und schließlich Abtreibung und Euthanasie, also unsere Einstellung zum Beginn und Ende des menschlichen Lebens.

Zum fünften Gebot selbst sei bemerkt, daß es wohl besser mit "Du sollst nicht morden" zu übersetzen wäre, denn es wird hier ein Verbum benutzt, das nie für die Tötung des Kriegsgegners oder des zum Tode Verurteilten steht, sondern nur dort, wo das Töten oder Morden des persönlichen Gegners gemeint ist.

Wie schwierig hier die ethischen Gesichtspunkte in der moderner. Welt geworden sind - die Problematik erstreckt sich schließlich bis hin zum Tierversuch - kann ich nicht ausbreiten. Ich will nur einige Schlaglichter werfen und dabei meinen eigenen Standpunkt nicht verleugnen.

Die aufgezählten Ausnahmesituationen des Tötens werden oft von der gleichen Person kontrovers diskutiert. So kann jemand aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern, befindet sich aber bei der bedingungslosen Bejahung der Abtreibung nicht in Gewissensnot.

Aber auch wer dem Krieqsdienst grundsätzlich zustimmt, würde dies heute kaum noch mit der horazischen Sentenz motivieren: Dulce et decorum est pro patria mori"; süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben. Er müßte schon die Freiheit des Menschengeschlechtes als einen grundsätzlich zu verteidigenden Wert für sein Handeln ins Feld führen.

Ein Wort sei mir als Arzt zum Schwangerschaftsabbruch und zur Euthanasie erlaubt. Es gibt für mich nur den therapeutischen Schwangerschaftsabbruch, d.h. daß nur durch diesen allein eine ernste Gefahr für die Gesundheit oder das Leben der Schwangeren abgewendet werden kann. Mit Einschränkung lasse ich eugenische und fetale Indikationen gelten, d.h. solche bei schweren Erbkrankheiten und Embryopathien, doch meine ich, daß es zunehmend zu den Forderungen an öffentliche und ärztliche Einrichtungen gehören sollte, durch rechtzeitige Aufklärung, Impfung und genetische Beratung den Eintritt solcher Schwangerschaften zu verhüten. Eine soziale Indikation sollte es, wenn wir an unseren Nahbereich denken, nicht geben. Denn wir leben in einem der reichsten Länder der Erde. Und wenn nach Abwägung aller Umstände durch unabhängige Stellen mit richterlichen Befugnissen - leider sind solch Stellen nach Abänderung des Paragraphen 218 ja nicht geschaffen worden - wirklich äußerste soziale Not besteht und sich niemand zur Adoption bereitfindet, so wäre es vielleicht auch einmal Aufgabe eines Lions - Clubs, in hochherziger Weise zu helfen, d.h. einen werdenden Menschen, aber doch einen Menschen immerhin, vor seiner Tötung zu bewahren.

Zur Euthanasie, die auf den modernen, von der Technik beherrschten Intensivstationen so problematisch wurde, sei bemerkt, daß ethisch und rechtlich nur drei Formen zulässig sind:

  1. Sterbeerleichterung durch pflegerische und seelsorgerliche Maßnahmen.

  2. Erleichterung des Sterbens mit eventueller Lebensverkürzung als ungewolltem Nebeneffekt durch die Gabe von Narkotika und Analgetika.

  3. Als passive Euthanasie durch Verzicht auf eine technischeund medikamentös mög1iche Lebensverlängerung, die aber auf eine Sterbeverlängerung hinausliefe. Nicht zulässig ist die aktive Euthanasie als gezielte Lebensverkürzung, sei sie "Tötung auf Verlangen" oder "vorsätzliche Tötung". Doch gerade zwischen der passiven und aktiven Euthanasie ergeben sich fließende Übergänge, die den Arzt im Einzelfall in größte Gewissensnot bringen. Ob hier die geplanten oder wohl auch schon tätigen Ethikkommissionen zur Gewissensentlastung beitragen können, sei einmal dahingestellt.

Nur an diesen kurz gestreiften Beispielen aus dem Problemkreis der "Ethik in der modernen Medizin" konnte ich zu zeigen versuchen, wie sich sittliche Forderungen unter dem Aspekt der "Ehrfurcht vor dem Leben" heute neu stellen. Von hier aus lassen sich leicht die Linien weiterziehen zur modernen Biologie – genannt sei nur das Wort "Menschenzüchtung" - zur Physik und Technik.

Ethische Forderungen regeln auch unser Zusammenleben als ein hohes und zu schützendes Gut. Ich möchte dies abschließend von den letzten drei Buchstaben unseres Namens her darzustellen versuchen. Ich kann diese Devise nicht nationalistisch deuten. Und wohl keiner von uns denkt dabei an Mittelstreckenraketen, Satellitenkiller oder Todesstrahlen. Diese mag es geben müssen, solange unsere Freiheit bedroht ist. "Our nations safety" kann doch in einer gewandelten Welt nur die Sicherheit des gesamten Menschengeschlechtes meinen, die nur erreicht werden kann, wenn wir im Umgang mit uns selbst, mit unseren Nächsten, in unseren engeren und weiteren Bereichen, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu einer erneuerten Sittlichkeit kommen. Hierzu bedarf es wieder der Einübung in Tugenden, denn Moral ist erlernbar. Die platonischen Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß, so schreibt unser Kieler Lionsfreund Professor Theodeor Wilhelm in seinem Buch "Sittliche Erziehung durch politische Bildung", hätten als individuelle moralische Bereitschaften auch in der modernen Demokratie wieder an Aktualität gewonnen.

Ich meine, auch die alten bürgerlichen Tugenden wie Ordnung, Sparsamkeit, Reinlichkeit als Forderung praktischer Gesundheitspflege und als pflegerischer Umgang mit den Dingen, Bescheidenheit und auch der Fleiß haben nichts an Bedeutung verloren, mögen sie heute noch so sehr in Frage gestellt werden. Wir Älteren sollten sie durch ein vorbildhaftes Leben - das Vorbild .gehört wie die Übung zur Pflichten- und Tugendlehre - der jungen Generation weitergeben.

Wenn wir aber den Forderungen unserer Epoche gerecht werden wollen, so müssen noch weitere Eigenschaften, die man als soziale Tugenden bezeichnen könnte, geweckt und eingeübt werden. Welche Eigenschaften hätte ein solcher moderner Tugendkatalog zu fordern? Gestatten Sie mir eine Zusammenstellung aus verschiedenen Autoren, die in leichter Abänderung und in ihrer Gewichtung eine Art persönliches Credo darstellt:

Üben wir uns in diesen Tugenden, dann dürfen wir, die wir vielleicht an der Grenze zur totalen Katastrophe stehen, auch wieder hoffen. Dies wäre dann keine Hoffnung ohne Preis, wie man auf schönes Wetter hofft, oder zu kleinen Preisen, wie man auf einen Lottogewinn hoffen mag. Der verlangte Preis ist hoch und nur mit täglicher Übung, Selbstüberwindung und Selbstbescheidung zu bezahlen.

Dazu brauchen wir viel

                                  Von jenem Mut, der früher oder später
                                  Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt;
                                  Von jenem Glauben, der sich stets erhöhter
                                  Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt,
                                  Damit das Gute wirke, wachse, fromme,
                                  Damit der Tag dem Edlen endlich komme.

 

Verwendete Literatur:

1.) Bollnow, O.F.: "Wesen und Wandel der Tugenden". "Frankfurt/F.1958

2.) Handbuch der christlichen Ethik, Freiburg 1978

3.) Hartmann,N.: "Ethik", Berlin 1962

4.) Heisenberg, W.: "Schritte über Grenzen", München 1971

5.) Pieper,J.: "Traktat über die Klugheit", München 1965

6.) Schulz, W.:"Bedingungen des Lebens ‑ Philosophische Ethik in der heutigen veränderten Situation", Universitas 34. Jahrgang, Heft 4 (1979)

7.) Wendland, K.L.: "Psychische Störungen im Gefolge der Zivilisation", Ther.d. Gegenw. 118 (1979)

8.) Wilhelm,Th.: "Sittliche Erziehung durch politische Bildung" Zürich 1979

9.) Wickler, W.: "Die Biologie der zehn Gebote", München 1971.